Menschen mit ADHS erleben häufig Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität oder emotionaler Regulation. Gleichzeitig leiden viele Betroffene zusätzlich an Depressionen oder depressiven Symptomen. Das wirft eine berechtigte Frage auf: Kann transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), die bereits bei Depressionen eingesetzt wird, auch bei ADHS hilfreich sein?
In diesem Artikel erfahren Sie, was tDCS ist, warum es bei Depressionen eingesetzt wird und welches Potenzial die Methode bei ADHS haben könnte – basierend auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand.
Was ist tDCS?
Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) ist eine nicht-invasive Form der Hirnstimulation. Dabei wird ein sehr schwacher, konstanter elektrischer Strom über Elektroden auf der Kopfhaut an bestimmte Bereiche des Gehirns geleitet.
Ziel ist es, die Aktivität von Nervenzellen in Regionen zu beeinflussen, die für:
- Stimmung
- Konzentration
- Entscheidungsfindung
- emotionale Kontrolle
eine zentrale Rolle spielen.
Bei der Behandlung von Depressionen richtet sich tDCS meist auf den dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC) – eine Hirnregion, die bei Menschen mit Depressionen häufig vermindert aktiv ist.
Warum wird tDCS bei Depressionen eingesetzt?
Depressionen gelten heute nicht mehr als reine Folge eines „chemischen Ungleichgewichts“. Die moderne Neurowissenschaft zeigt, dass sich bei Depressionen die Aktivität bestimmter Hirnnetzwerke verändert.
tDCS setzt genau hier an. Durch die gezielte elektrische Stimulation kann die Aktivität im präfrontalen Kortex angeregt werden. In klinischen Studien zeigen sich bei vielen Teilnehmenden Verbesserungen depressiver Symptome, wenn tDCS regelmäßig angewendet wird.
Wichtig dabei:
tDCS ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, sondern kann – je nach individueller Situation – eine ergänzende Option sein.
Was hat das mit ADHS zu tun?
Auch bei ADHS sind Hirnareale im präfrontalen Kortex beteiligt. Diese Regionen sind unter anderem wichtig für:
- Aufmerksamkeitssteuerung
- Impulskontrolle
- Planung und Organisation
- emotionale Regulation
Einige Symptome von ADHS überschneiden sich daher mit Symptomen, die auch bei Depressionen auftreten, etwa Konzentrationsprobleme oder emotionale Dysregulation.
Genau aus diesem Grund untersuchen Forschende, ob tDCS bei ADHS unterstützend wirken könnte.
Kann tDCS bei ADHS helfen?
Aktuell ist tDCS nicht als zugelassene Therapie für ADHS etabliert. Die Studienlage ist deutlich kleiner als bei Depressionen. Erste wissenschaftliche Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass tDCS bei manchen Menschen mit ADHS:
- die Aufmerksamkeit verbessern kann
- die Impulsivität reduzieren könnte
- die emotionale Selbstregulation unterstützen kann
Diese Effekte sind nicht bei allen Betroffenen gleich und hängen unter anderem von Stimulationsprotokoll, Dauer und individueller Ausgangslage ab.
Deshalb gilt:
tDCS bei ADHS wird derzeit als experimenteller, ergänzender Ansatz betrachtet – nicht als Standardbehandlung.
Flow tDCS: Wie funktioniert das System?
Das tDCS-System von Flow Neuroscience wurde für die Anwendung bei Depressionen entwickelt. Es kombiniert:
- ein medizinisches tDCS-Headset
- eine begleitende App
- psychoedukative und verhaltenstherapeutische Inhalte
Die Stimulation erfolgt in der Regel:
- 30 Minuten pro Sitzung
- 5-mal pro Woche in den ersten Wochen
- anschließend reduziert zur Stabilisierung
Das Ziel ist eine strukturierte, regelmäßige Anwendung, eingebettet in einen ganzheitlichen Ansatz.
Für wen kann tDCS relevant sein?
tDCS kann insbesondere für Menschen interessant sein, die:
- an Depressionen leiden
- zusätzlich ADHS-Symptome haben
- nach nicht-medikamentösen Ergänzungen zu ihrer bestehenden Behandlung suchen
Ob tDCS in Ihrer Situation sinnvoll ist, sollte immer gemeinsam mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Fachperson besprochen werden.
Wichtiger Hinweis zur Einordnung
tDCS ist ein medizinisches Verfahren, dessen Wirkung individuell unterschiedlich ausfallen kann. Es ersetzt keine Diagnose und keine ärztlich empfohlene Therapie.
Wenn Sie unter ADHS, Depressionen oder beidem leiden, ist der wichtigste Schritt immer eine professionelle Abklärung und Begleitung.
Zusammenfassung
- tDCS ist eine nicht-invasive Hirnstimulation mit nachgewiesener Wirkung bei Depressionen
- ADHS und Depressionen betreffen teilweise dieselben Hirnregionen
- Erste Studien zeigen ein mögliches Potenzial von tDCS bei ADHS
- Aktuell gilt tDCS bei ADHS als ergänzender, noch nicht etablierter Ansatz
- Eine ärztliche Beratung ist vor der Anwendung unerlässlich