Warum genaues Hinsehen so wichtig ist
Viele Erwachsene mit ADHS kennen das Gefühl, ständig gegen innere Unruhe, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme anzukämpfen. Was dabei oft übersehen wird: Menschen mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens zusätzlich an einer Depression zu erkranken.
Das Problem ist, dass sich ADHS-Symptome und Depressionen bei Erwachsenen stark überschneiden. Dadurch bleibt eine Depression häufig länger unerkannt. Das kann dazu führen, dass Betroffene sich selbst die Schuld geben oder denken, ihre ADHS „sei einfach schlimmer geworden“.
Dieser Artikel hilft Ihnen dabei, Anzeichen einer Depression bei Erwachsenen mit ADHS besser einzuordnen und zu erkennen, wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist.
ADHS und Depression: Warum die Abgrenzung so schwierig ist
ADHS ist keine reine Aufmerksamkeitsstörung. Viele Erwachsene erleben auch emotionale Dysregulation, schnelle Erschöpfung und Schwierigkeiten im Alltag. Genau diese Bereiche sind auch bei Depressionen betroffen.
Typische überschneidende Symptome sind:
- Konzentrationsprobleme
- Erhöhte Reizbarkeit
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Schlafstörungen
- Innere Unruhe oder Anspannung
- Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen oder abzuschließen
Bei ADHS entstehen diese Symptome häufig durch Überforderung, Reizüberflutung oder fehlende Struktur. Bei einer Depression haben sie meist eine andere Qualität: Sie fühlen sich schwerer, anhaltender und weniger beeinflussbar an.
Ein wichtiger Hinweis: Wenn sich Symptome auch in ruhigen Phasen nicht bessern oder sogar zunehmen, kann das auf eine zusätzliche Depression hindeuten.
Anzeichen einer Depression bei Erwachsenen mit ADHS
Neben den bekannten ADHS-Merkmalen gibt es typische Warnsignale, die eher für eine Depression sprechen. Dazu gehören vor allem Veränderungen auf emotionaler Ebene.
Achten Sie besonders auf:
- Anhaltende Niedergeschlagenheit oder Leere
- Verlust von Interesse oder Freude an Dingen, die früher wichtig waren
- Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder innerer Wertlosigkeit
- Ausgeprägte Selbstkritik oder Schuldgefühle
- Sozialer Rückzug
- Das Gefühl, „funktionieren zu müssen“, obwohl innerlich nichts mehr geht
Diese Anzeichen einer Depression unterscheiden sich von der oft situationsabhängigen Frustration bei ADHS. Entscheidend ist vor allem die Dauer: Halten diese Symptome über mindestens zwei Wochen nahezu täglich an, sollte das ernst genommen werden.
Depression oder ADHS-Erschöpfung?
Viele Erwachsene mit ADHS kennen Erschöpfung. Sie entsteht oft durch ständige Anpassung, hohe mentale Anstrengung und jahrelanges Kompensieren. Dennoch gibt es Unterschiede:
Erschöpfung bei ADHS
- schwankt je nach Belastung
- bessert sich teilweise durch Pausen oder Struktur
- geht oft mit innerer Unruhe einher
Depressive Erschöpfung
- ist dauerhaft präsent
- fühlt sich schwer und lähmend an
- geht häufig mit Hoffnungslosigkeit einher
Wenn Erholung keine echte Erleichterung mehr bringt, kann das ein Hinweis auf eine depressive Erkrankung sein.
Komorbidität: Wenn ADHS und Depression gemeinsam auftreten
Treten ADHS und Depression gleichzeitig auf, spricht man von einer Komorbidität. Das ist häufiger, als viele denken. Für Betroffene bedeutet das oft eine doppelte Belastung:
- ADHS erschwert Struktur und Selbstorganisation
- Depression senkt Motivation und emotionale Belastbarkeit
Beide Zustände können sich gegenseitig verstärken. Umso wichtiger ist eine klare fachliche Einordnung, damit Behandlungsansätze sinnvoll kombiniert werden können.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Sie sollten sich Unterstützung holen, wenn:
- depressive Symptome länger als zwei Wochen anhalten
- Alltagsfunktionen deutlich eingeschränkt sind
- Rückzug, Hoffnungslosigkeit oder starke Selbstabwertung zunehmen
- Sie unsicher sind, ob Ihre Beschwerden noch durch ADHS erklärbar sind
Ein erster Schritt kann sein, Ihre Symptome schriftlich festzuhalten. Notieren Sie Dauer, Intensität und typische Auslöser. Das hilft Ärztinnen, Ärzten oder Therapeutinnen, ein differenziertes Bild zu bekommen.
Eine fachliche Abklärung ersetzt keine Selbstbeobachtung, aber sie schafft Klarheit und entlastet.
Fazit: Früh erkennen entlastet
Depressionen bei Erwachsenen mit ADHS werden häufig spät erkannt. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern weil sich viele Symptome ähneln. Umso wichtiger ist es, Veränderungen ernst zu nehmen und nicht alles der ADHS zuzuschreiben.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass sich Ihre innere Belastung verändert hat, dürfen Sie das ernst nehmen. Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein sinnvoller nächster Schritt.