Am Welt-Suizidpräventionstag werden wir daran erinnert, dass Aufklärung allein nicht ausreicht. Es geht darum, wie wir über Suizid sprechen, wie wir Menschen in Krisen begegnen – und welche Haltung wir als Gesellschaft einnehmen. Das internationale Motto für 2024–2026, „Das Narrativ über Suizid verändern“, lädt uns dazu ein, Angst, Stigma und Schweigen durch Verständnis, Mitgefühl und konkrete Unterstützung zu ersetzen.
Als medizinische Fachperson sehe ich täglich, was hinter abstrakten Zahlen steht: Menschen mit Geschichten, Beziehungen, Hoffnungen – und oft mit einem Leidensdruck, der lange unsichtbar bleibt. Genau deshalb ist es so wichtig, die Art und Weise zu verändern, wie wir über Suizid und Suizidprävention sprechen.
Warum dieses Gespräch so wichtig ist
Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen weltweit. Nach aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben im Jahr 2021 rund 727.000 Menschen durch Suizid – das entspricht mehr als einem Todesfall pro 100 Todesursachen global. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter jedem Menschen stehen Angehörige, Freund:innen und Gemeinschaften, die mit einem tiefen Verlust zurückbleiben.
Besonders relevant für die Prävention ist: Ein Großteil der Menschen, die durch Suizid sterben, hatte im Jahr zuvor Kontakt zum Gesundheitssystem – häufig in der hausärztlichen Versorgung. Das zeigt nicht Versagen, sondern Potenzial: Suizidprävention beginnt oft viel früher, als wir denken, und nicht nur in spezialisierten Einrichtungen.
Stigma abbauen: Häufige Mythen über Suizid
Ein zentrales Hindernis für wirksame Suizidprävention ist Stigmatisierung. Bestimmte Mythen halten sich hartnäckig – und können Menschen davon abhalten, Hilfe zu suchen oder anzubieten.
Mythos: Über Suizid zu sprechen macht alles schlimmer.
Fakt: Das Gegenteil ist der Fall. Offene, respektvolle Gespräche über suizidale Gedanken erhöhen das Risiko nicht. Sie können entlastend wirken, Isolation reduzieren und den ersten Schritt in Richtung Unterstützung ermöglichen.
Mythos: Suizid betrifft nur Menschen mit diagnostizierten psychischen Erkrankungen.
Fakt: Psychische Erkrankungen sind ein wichtiger Risikofaktor – aber nicht der einzige. Auch belastende Lebensereignisse wie Trennungen, finanzielle Sorgen, chronische Erkrankungen oder soziale Isolation können Menschen in eine akute Krise bringen, insbesondere wenn Scham und Hoffnungslosigkeit hinzukommen.
Ein differenziertes Narrativ hilft, Schuldzuweisungen zu vermeiden und stattdessen Raum für Verständnis zu schaffen.
Sicherheitsplanung: Ein praktikabler Ansatz in der Suizidprävention
In akuten Krisen fällt es schwer, klar zu denken oder sich an hilfreiche Strategien zu erinnern. Genau hier setzt die Sicherheitsplanung an. Ein Safety Plan ist kein formelles medizinisches Dokument, sondern ein individuell erarbeiteter, schriftlicher Leitfaden. Er kann enthalten:
- persönliche Warnsignale
- konkrete Bewältigungsstrategien
- Kontakte zu vertrauten Personen
- Informationen zu professionellen Hilfsangeboten
Studien zeigen, dass Sicherheitsplanung ein wirksames Instrument in der Suizidprävention sein kann. Sie unterstützt Menschen dabei, schwierige Momente zu überstehen, und stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit – auch dann, wenn sich die Situation ausweglos anfühlt.
Was jede und jeder von uns tun kann
Suizidprävention ist keine Aufgabe ausschließlich für Fachpersonen. Auch im Alltag können wir dazu beitragen, das Narrativ zu verändern:
- Ansprechen statt Schweigen. Wenn Sie sich Sorgen um jemanden machen, sprechen Sie es behutsam und direkt an. Das signalisiert Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
- Zuhören ohne zu bewerten. Es geht nicht darum, schnelle Lösungen zu finden, sondern präsent zu sein und ernst zu nehmen, was jemand empfindet.
- Unterstützung kennen und weitergeben. Informationen zu Hilfsangeboten griffbereit zu haben, kann in kritischen Momenten entscheidend sein.
- In Verbindung bleiben. Auch nach einem schweren Gespräch kann eine kurze Nachricht oder Nachfrage viel bedeuten.
Solche kleinen, menschlichen Gesten können einen großen Unterschied machen.
Eine realistische Botschaft der Hoffnung
Suizid ist kein unausweichliches Schicksal. Er ist in vielen Fällen vermeidbar. Hoffnung bedeutet dabei nicht, Leid zu verharmlosen oder schnelle Lösungen zu versprechen. Hoffnung bedeutet, anzuerkennen: Gefühle verändern sich, Unterstützung ist möglich, und niemand muss alleine bleiben.
Am Welt-Suizidpräventionstag – und darüber hinaus – können wir gemeinsam dazu beitragen, das Narrativ zu verändern: weg von Stigma, hin zu Offenheit. Weg von Isolation, hin zu Verbindung. Denn Suizidprävention beginnt mit Sprache – und mit der Haltung, die dahintersteht.
Wenn Sie selbst mit suizidalen Gedanken kämpfen:
Bitte holen Sie sich Unterstützung. Hilfe ist verfügbar, und Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.