Der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC) ist keine Hirnregion, über die man im Alltag häufig spricht – in der modernen Depressionsforschung spielt er jedoch eine zentrale Rolle. Zahlreiche neurobiologische Studien zeigen, dass bei Menschen mit Depressionen insbesondere der linke DLPFC häufig eine verminderte Aktivität aufweist. Genau hier setzen Verfahren der nicht-invasiven Hirnstimulation wie tDCS (transkranielle Gleichstromstimulation) und TMS (transkranielle Magnetstimulation) an.
Das Ziel dieser Verfahren ist es, die neuronale Aktivität in dieser Region zu modulieren und so Prozesse zu unterstützen, die für Stimmung, Denken und Motivation entscheidend sind.
Was ist der DLPFC – und warum ist er so wichtig?
Der DLPFC ist Teil des präfrontalen Kortex und stark an sogenannten exekutiven Funktionen beteiligt. Dazu gehören unter anderem:
- Emotionsregulation:
Der DLPFC hilft dabei, emotionale Reaktionen zu steuern und negative Gedankenspiralen zu unterbrechen. Bei einer Depression ist diese Regulation oft eingeschränkt, was zu anhaltender Niedergeschlagenheit oder Grübeln führen kann. - Kognitive Kontrolle und Konzentration:
Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Planung und Problemlösung sind eng mit der Aktivität des DLPFC verbunden. Viele Betroffene berichten bei Depressionen über „mentale Erschöpfung“, Konzentrationsprobleme oder Entscheidungsschwierigkeiten – Symptome, die mit einer verminderten Aktivität in diesem Hirnbereich zusammenhängen können. - Motivation und Handlungsfähigkeit:
Der DLPFC ist an der Umsetzung von Zielen beteiligt. Ist seine Aktivität reduziert, fällt es schwer, Aufgaben zu beginnen oder aufrechtzuerhalten – selbst dann, wenn der Wunsch zur Veränderung vorhanden ist.
Aus diesem Grund gilt der DLPFC heute als einer der wichtigsten Ansatzpunkte, wenn es darum geht, Depression ganzheitlich zu behandeln und nicht nur einzelne Symptome zu lindern.
Was passiert im Gehirn bei einer Depression?
Bei einer Depression kommt es nicht zu „einer einzigen Ursache“, sondern zu einem Zusammenspiel verschiedener neuronaler Veränderungen. Bildgebende Verfahren zeigen häufig ein Ungleichgewicht zwischen Hirnregionen, die für emotionale Verarbeitung zuständig sind, und solchen, die regulierend eingreifen sollen.
Der linke DLPFC übernimmt dabei eine Art steuernde Funktion. Ist er unteraktiv, können negative Emotionen und Gedanken stärker in den Vordergrund treten, während positive Reize weniger Wirkung entfalten. Genau dieses Ungleichgewicht versucht die Hirnstimulation bei Depression gezielt zu adressieren.
Wie wirkt Hirnstimulation auf den DLPFC?
Transkranielle Magnetstimulation (TMS)
Bei der TMS werden gezielte magnetische Impulse eingesetzt, um die Aktivität bestimmter Hirnareale zu beeinflussen. Wird der DLPFC stimuliert, kann dies dazu beitragen, neuronale Netzwerke zu aktivieren, die bei Depressionen abgeschwächt sind. TMS wird in spezialisierten Kliniken eingesetzt und ist als Therapieform bei Depression anerkannt.
Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)
Die tDCS nutzt einen sehr schwachen elektrischen Strom, der über Elektroden auf der Kopfhaut appliziert wird. Ziel ist es, die Erregbarkeit der Nervenzellen im DLPFC zu modulieren. Im Unterschied zur TMS ist tDCS besonders sanft und nicht invasiv. Sie wird zunehmend als ergänzende Option in der nicht-medikamentösen Behandlung von Depressionen erforscht.
Beide Methoden verfolgen dasselbe Prinzip: Sie setzen nicht am Symptom allein an, sondern an den zugrunde liegenden neuronalen Prozessen.
Warum der Fokus auf den DLPFC sinnvoll ist
Die gezielte Stimulation des DLPFC zielt darauf ab, mehr als nur kurzfristige Stimmungsänderungen zu erreichen. Indem kognitive Kontrolle, Emotionsregulation und Motivation unterstützt werden, kann dieser Ansatz helfen, die Voraussetzungen für langfristige Veränderungen zu schaffen – etwa im Zusammenspiel mit Psychotherapie, Bewegung oder strukturierten Alltagsroutinen.
Aus diesem Grund steht der DLPFC heute im Mittelpunkt vieler moderner Ansätze zur Depressionstherapie ohne Medikamente.
Fazit: Ein zentraler Ansatzpunkt in der Depressionsbehandlung
Dass Hirnstimulation gezielt den DLPFC adressiert, ist kein Zufall. Diese Hirnregion verbindet Denken, Fühlen und Handeln – genau jene Bereiche, die bei einer Depression häufig aus dem Gleichgewicht geraten. Verfahren wie tDCS und TMS setzen hier an, um die natürliche Regulation des Gehirns zu unterstützen und neue therapeutische Wege zu eröffnen.